Ein Fest ohne Kinder ist kein Fest




Heute vor 85 Jahren wurde der 23. April zum Feiertag der Nationalen Souveränität und des Kindes erklärt, die vorrangig an die Eröffnung der ersten Nationalversammlung und die Souveränität der Fundamente der Republik erinnern sollte.
Die Fundamente für eine Republik zu legen ist nicht schwer, aber Generationen heranzuziehen, die an die nationalen und islamischen Werte der Türkei gebunden sind, ist eine große Herausforderung. Dabei darf man nicht vergessen, dass schon die damaligen Politiker der heutigen Oppositionspartei CHP den Islam aus der Gesellschaft zu verdrängen suchten, aber letztendlich an dieser Mission scheiterten, da das Volk seine muslimische Identität nie aufgeben wollte. Die unangefochtenen Gegner des Islam konnten den Glauben überwiegend aus dem öffentlichen Leben verdrängen, doch nicht aus dem privaten Leben der türkischen und kurdischen Muslime.
Mit welchen Worten appellierte Mustafa Kemal (Atatürk) an die Jugend von damals, die für die Zukunft arbeiten sollten?
„Meine kleinen Damen und kleinen Herren! Ihr alle seid Rosen und Sterne für die Zukunft. Ihr seid diejenigen, die dieses Land in Helligkeit tränken werden. Mit dem Gedanken, dass ihr wichtig und wertvoll seid, müsst ihr arbeiten. Wir erwarten sehr viel von euch.“
Schön verzierte Zeilen, denen auch Taten folgen sollten. Doch betrachtet man sich die heutige kemalistische Jugend, so muss man feststellen, dass sie seine Erwartungen nicht erfüllen, auch wenn sie der festen Überzeugung sind, seinen Schritten zu folgen. Die selbsternannten „Soldaten Mustafa Kemals“, die wahrscheinlich zu seiner Zeit nur Kartoffeln schälen dürften. Wenn wir Kritik an Mustafa Kemal ausüben, benutzen sie keine Argumente, sondern wenden sich sofort an Beschimpfungen, die nicht so rosig sind – man beachte Mustafa Kemals Appell. Wie kann man von einer Generation Helligkeit in Form von Fortschritten für dieses Land erwarten, wenn sie selbst nicht hell im Kopf sind? Da sollten sie erst einmal sich selbst helfen, bevor sie versuchen das Land zu retten. Mit Bierflaschen und Molotowcocktails in den Händen wird das nichts.
Dieser nationale Feiertag dient auch mehr der Erinnerung an den heroisierten Mustafa Kemal, der in jeder Hinsicht von seinen fanatischen Anhängern als unfehlbar angesehen wird, als an die Kinder dieser Welt. Wenn er doch so unfehlbar ist, warum wird seine Person durch einen Artikel im türkischen Strafgesetzbuch unter Schutz gestellt? Kritik? Um Gottes Willen, da würden sie für den Tod am Strang plädieren.

Dieser nationale Feiertag war unter anderem nicht nur als ein Geschenk für die Kinder in der Türkei gedacht, sondern auch für die Kinder auf der ganzen Welt. Doch wenn mehrheitlich die Konservativen um die verstorbenen Kinder in Ägypten, Palästina und Syrien weinen, werden sie von den Ultranationalisten bzw. Kemalisten beschuldigt, nicht national genug zu denken und zu fühlen, was immer sie auch darunter verstehen mögen. Alles, was außerhalb der nationalen Grenzen passiert, braucht wohl nicht länger beachtet zu werden. Dabei vergessen und verdrängen sie immer wieder, dass im Ersten Weltkrieg in der Schlacht von Gallipolli (türkisch: Canakkale Savasi) auch aus diesen und den anderen islamischen Ländern Menschen für dieses Land gestorben sind. Dafür brauchen sie nur den Friedhof in Canakkale besuchen und sich die Grabsteine anschauen. Aber wahrscheinlich hat das keinen Wert für sie, da dies in der Zeit des ihrerseits verhassten Osmanischen Reiches passiert ist. Wobei man ihre Doppelmoral nicht nur bei den Tragödien außerhalb der Türkei sehen kann, sondern auch in der Türkei, wenn Kurden sterben, die von kemalistischen Journalisten in Kolumnen als Esel bezeichnet werden (Yilmaz Özdil ist ihr Idol).

Ich frage mich, wie die Kemalisten diesen Feiertag feiern und genießen werden, obwohl sie das Assad-Regime unterstützen und seit Beginn des bewaffneten Konflikts mehr als 14.000 Kinder in Syrien gestorben sind, auch wenn nicht nur er dafür verantwortlich ist? Sie trauern lieber ihren „Helden“ im Gezi-Aufstand nach und benutzen ihre Namen bei jeder Gelegenheit, als ob die Kinder der getöteten türkischen Soldaten nicht ein Teil dieser Gesellschaft wären. Als ob die Kinder in den anderen Ländern das Lachen nicht verdienen. Als ob die anderen Waisenkinder keine Eltern verdienen, die ihnen Schutz bieten. Selbst die 500.000 Flüchtlinge aus Syrien sind ihnen ein Dorn im Auge. Ihrer Auffassung nach sollen sich unter ihnen auch Terroristen befinden und Kinder, die man als potenzielle Terroristen betrachten müsse wie die damals von Saddam Hussein vertriebenen Kurden aus dem Nord-Irak.

Ich kann nicht von einem Fest sprechen, wenn die Kinder unserer Nachbarn ihre Eltern verlieren.
Ich kann nicht von einem Fest sprechen, wenn die Kinder Opfer von Sexualverbrechen werden.
Ich kann nicht von einem Fest sprechen, wenn die Kinder eine größere Last als ihr eigenes Gewicht tragen müssen.
Ich kann nicht von einem Fest sprechen, wenn Kinder andere Kinder töten.
Ich kann nicht von einem Fest sprechen, wenn Kinder sterben.
Ich kann nicht von einem Fest sprechen, wenn Eltern nur ihre Kinder umarmen.
Früher war man leise, wenn Kinder schliefen.
Heute ist man leise, wenn Kinder sterben.

Ein Fest ohne Kinder ist kein Fest!
Der Tag, an dem keine Kinder mehr in Palästina, Ägypten, Syrien und in anderen Ländern sterben,
wird das größte Fest für uns sein!




Turgay Adalet

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