Hagia Sophia - Die heilige Sehnsucht




Die Hagia Sophia (türk. Ayasofya) war die Hauptkirche des Byzantinischen Reiches und das religiöse Zentrum der Orthodoxie bis Fatih Sultan Mehmet im Jahre 1453 Konstantinopel eroberte und sie in die Hauptmoschee der Osmanen umwandelte. Doch Mustafa Kemal, der Gründer der Türkei, wandelte die Moschee in ein Museum um. Auch wurden andere Moscheen wie die Chora-Moschee (türk. Kariye Camii) in Museen umgewandelt oder als Viehstall benutzt. Warum er dies tat, werden wir im laufenden Text noch sehen. Einige der heutigen Gegner dieser Umwandlung führen als Argument an, dass man die religiösen Einrichtungen der Andersgläubigen nicht anrühren dürfe. Es liegt an der Tradition der Muslime, dass nach Eroberungen die größten Gebetshäuser in Moscheen umgewandelt werden. Doch in Bulgarien und Griechenland haben die Angehörigen des Christentums die Moscheen zerstört. Im Gegensatz zu dieser Praxis leben die Gebäude bei uns weiter und werden regelmäßig restauriert. Andere Kirchen, deren Gemeinden noch aktiv sind, werden nur zur Restauration durch den türkischen Staat angerührt.
Vom konservativen Teil der Bevölkerung besteht seit 1950 der Wunsch, dass die Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt und die Möglichkeit für islamische Gebete geleistet wird. In den letzten drei Jahren wurden schon Museen wieder in Moscheen umgewandelt: die Hagia Sophia von Iznik und die Hagia von Trabzon. Letztes Jahr hat der Abgeordnete Halaçoğlu der rechten Oppositionspartei MHP einen Gesetzesentwurf eingebracht, der diese Rückumwandlung vorsieht. Doch bis heute wurde dieses Thema nicht zum Diskussionsgegenstand im Parlament, auch wenn die islamisch-konservative Regierung das auch begrüßen würde und hin und wieder erwähnt. Aber zum Diskussionsgegenstand wurde dies in der deutschen Presse (Tagesspiegel), wo die Hagia Sophia als byzantinisches Gotteshaus bezeichnet wurde und eine mögliche Entscheidung höchst umstritten sei. Bartholomeos I., Erzbischof von Istanbul und Ökumenischer Patriarch, betonte ausdrücklich: „Wenn die Hagia Sophia zum Gebet eröffnet wird, dann sollte sie wieder zu einer Kirche umgewandelt werden“.
Auch die heimischen Gegner haben schon im Gezi-Aufstand gezeigt, dass sie das Eroberungsjahr 1453 als Unterdrückung betrachten, indem sie ihre ideologische Befangenheit an die Wände schmierten. Ihre Parole lautet immer wieder „Wenn Atatürk nicht wäre, dann…“, doch was wäre mit der heutigen Türkei, wenn Fatih Sultan Mehmet Konstantinopel nicht erobert hätte?



In einer vom türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus erstellten Karte im Jahre 2007 taucht die Hagia Sophia nicht als Museum, sondern als Kirche auf. Das zeigt auch die Intention bestimmter Kreise, die die Hagia Sophia immer noch als Kirche sehen und sehen lassen möchten.
Auf der anderen Seite soll die Idee der Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum, das als Symbol der Eroberung durch die Osmanen gilt, von einem Amerikaner entsprungen sein. Wie wir gleich sehen werden, wird diese Behauptung mit Fakten bewiesen. Die Laizisierung der einstigen Moschee gewinnt damit eine neue Dimension.
Wie schon erwähnt, erhofften sich die Konservativen in der Bevölkerung von Adnan Menderes die „große Eroberung“ der Ayasofya, dann von Süleyman Demirel, Turgut Özal und heute vom amtierenden Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Zeitweise wird dieser Wunsch in sozialen Netzwerken thematisiert und  von allen AKP-Wählern und anderen konservativen Kreisen massiv unterstützt.

Welche Bedeutung hat die Umwandlung der Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum?
Zum einen kann dies als Entschuldigung für die osmanische Eroberung interpretiert werden. Außerdem ist der Status der Hagia Sophia an die Rechte des Landes gebunden, die im Besitz dieser ist. Zum anderen darf juristisch gesehen eine Stiftung nicht für andere Zwecke benutzt werden. Auch wenn das Ministerium für Kultur und Tourismus die Hagia Sophia „betreibt“, ist sie eine Stiftung; die Fatih Sultan Mehmet Stiftung. Wenn es um die Hagia Sophia geht, verstecken sich die Menschen, die von der Unantastbarkeit der Justiz sprechen, hinter der Ausrede „Ja, seht ihr denn nicht den Druck von außen?“. Aber träumen dann von einer unabhängigen und großen Türkei, die ihr ideologischer Vater Mustafa Kemal „verfolgte“.

Gab es auch schon damals in den 30’er Jahren Druck von fremden Mächten, die den Status der Hagia Sophia ändern lassen wollten?
Während jahrelang der Bericht der Hagia Sophia Kommission und der Eifer des Abgeordneten Zeynel Abidin Özmen bei der Umwandlung der Hauptmoschee des Osmanischen Reiches zu einem Museum thematisiert wurde, wurden wichtige historische Informationen vernachlässigt. Über den Einfluss und den Druck von außen auf die junge Republik wurde nie in der Öffentlichkeit geredet.
In dieser Phase wurden auf der einen Seite Forscher ins Ausland geschickt, um die anatolischen Zivilisationen zu erforschen und auf der anderen Seite wurden Experten eingeladen, die über das Byzantinische Reich ihre Forschungen betreiben sollten. Die einen arbeiteten an der Bodrum und Fenari Isa Moschee, die anderen an der Chora-Moschee und an den Moscheen in Iznik, die ehemals byzantinische Kirchen dienten. Die Aufgabe dieser sogenannten Experten bestand darin, nach byzantinischen Spuren in den Moscheen zu suchen und da diese nicht mehr in Kirchen umgewandelt werden konnten, wurden sie in Museen umgewandelt.
Der erste Schritt für eine laizistische Hagia Sophia kam von Thomas Whittemore, dem Gründer des Byzantinischen Instituts in Amerika. Um besonders das Mosaik der Hagia Sophia aufzudecken, kam er nach Istanbul und versuchte eine Erlaubnis für die Restauration zu ergattern. Dafür arrangierte er ein Treffen mit Mustafa Kemal, den er von der Umwandlung der Moschee in ein Museum überzeugte.
Natalia Teteriatnikov, die mit Whittemore zusammengearbeitet hat, erzählte Folgendes:
„Das Byzantinische Insitut in Amerika/Boston wurde 1930 von Thomas Whittemore gegründet.
Um die Prüfung der byzantinischen Kunst, Geschichte und Archäologie anzuregen, habe ich unter anderem mit Amerikanern (unter ihnen Whittemore), Engländern und Franzosen kooperiert. Einer der größten Erfolge des Byzantinischen Instituts ist die Tatsache, dass es den Präsidenten der Türkischen Republik Kemal Atatürk dazu überredet hat, die Verantwortung für die Untersuchung des Mosaiks in der Hagia Sophia auf das Byzantinische Institut zu übertragen.“
Hier sieht man unter anderem, dass bei der Umwandlung nicht nur Amerika, sondern auch England und Frankreich mitgewirkt haben.
Weiterhin heißt es: „Zwischen Atatürk und Whittemore fanden Verhandlungen statt, die vom amerikanischen Außenministerium und von der amerikanischen Botschaft in Ankara aktiv unterstützt wurden. Am Ende dieser Verhandlungen wurde die Hagia Sophia als Moschee geschlossen und als Museum eröffnet“.

Der Link zur Seite:

Eine Passage aus dem Brief von Whittemore an seine Sponsoren ist noch viel interessanter:
„Die türkische Regierung hat letztes Jahr drei Kirchen zu nationalen Monumenten erklärt. Dies ist als Reaktion auf die Ermahnung des Byzantinischen Instituts zu deuten, dass die Regierung uns als Beobachter der byzantinischen Kirchen in Istanbul zu spät eingesetzt hat“.

Traurig, aber wahr. Wir wurden von einem amerikanisch-englisch-französischen Institut gewarnt und haben daraufhin drei byzantinische Kirchen, die in Moscheen umgewandelt wurden, zu nationalen Monumenten erklärt.
Was hatte Lord Curzon 1918 gesagt?
„Istanbul ist besonders für den orientalischen Raum eine kosmopolitische und internationale Stadt.
Vor 900 Jahren war die Hagia Sophia eine Kirche und wird irgendwann wieder seinen alten Status erlangen.“
Der Mittelweg wurde dann wohl doch gefunden, indem die Hagia Sophia in ein Museum umgewandelt wurde. Das ist eine bodenlose Respektlosigkeit gegenüber dem Andenken des Eroberers Fatih Sultan Mehmet. Solche Bestrebungen waren eine Operation gegen die Identität des islamisch geprägten türkischen Volkes, die schon seit Jahrzehnten den Wunsch hat, die Hagia Sophia zum Beten zu betreten.
Die Sultanahmet Moschee steht sowohl Touristen als auch den gläubigen Moslems offen. Warum sollte dies auch nicht mit der Hagia Sophia möglich sein?

1453 hat Fatih Sultan Mehmet der Welt eine Message verkündet, dessen Erbe wir als Nachfahren schützen und fortführen müssen. Manche Historiker sind der festen Überzeugung, dass nach den Präsidentschaftswahlen im August die Hagia Sophia wieder in eine Moschee umgewandelt werde.
Viel zu lange warten wir schon auf diesen lang ersehnten Moment…





Turgay Adalet

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