Mythos: Gezi-Aufstand




Am vergangenen Samstag war der erste Jahrestag des Gezi-Aufstandes in der Türkei.
Die Schauspieler, die die Menschen mit Videos mobilisierten waren nicht auf den Straßen. Journalisten, die über ihre Kolumnen den Gezi-Aufstand hochlobten und die Jugend als einzige Hoffnung für eine „neue“ Türkei sahen, genossen in der Zeit ihren Urlaub auf weit entfernten Inseln, wie Ayse Arman! Die deutschen Leitmedien sprachen von einer überwältigenden Menge auf den Straßen, doch dieses Jahr war sogar noch weniger los als vor einem Jahr! Die Polizisten, die nur Tränengas und Wasserwerfer einsetzten, wurden wieder einmal wie Erdogans Henker dargestellt. So manch einer der regierungskritischen Medien wie Ahmet Hakan gingen sogar soweit, die Polizeikontrollen strenger als die in Bagdad zu bezeichnen. Einfach nur lachhaft! Dabei konnte er gemütlich mit seinem Taxi durch Istanbul fahren und in einigen Stadtvierteln in aller Ruhe Beobachtungen anstellen. Bei seinem Bericht fühlte ich mich wie auf den Straßen im Nazi-Regime.
Ich mache mir ernsthaft Gedanken über die Medienlandschaft in der Türkei, wenn solche sogenannten „Intellektuellen“ unter Realitätsverlust leiden.
Schaut man sich die Archive der deutschen Mainstream-Medien an, so werden ähnliche Proteste wie in Istanbul in anderen europäischen Städten als gewalttätige Proteste bezeichnet und mit Molotowcocktails beworfene Polizisten in Schutz genommen!
Hallooo! Vor einem Monat hat Radio Hamburg gemeldet: „Die Polizei sucht nach zwei bisher unbekannten Tätern wegen versuchten Mordes auf zwei Polizisten mit Molotowcocktails“
VERSUCHTER MORD!
In der Türkei haben wir in den vergangenen zwei Wochen genug solcher potenziellen Mörder gesehen, aber die deutschen Medien anscheinend nicht!
Ich habe es satt, immer wieder dieselben „Molotowcocktails“ zu servieren!

Hier möchte ich einer anderen Frage nachgehen und zwar:
Warum führen die in den letzten Jahren immer häufiger organisierten Straßenbewegungen zum Chaos und zur Vertiefung des Status quo anstatt zu revolutionären Neuerungen?
Damit zusammenhängend muss man sich fragen, ob diese organisierten Bewegungen tatsächlich antisystematisch wirken.

Lasst uns einen Ausflug nach Thailand machen, wo letzte Woche das Militär mit einem Putsch an die Macht kam – übrigens zum 19. Mal in der Geschichte des Landes.
Die nicht vorhandene Seriosität und die lockere Haltung der in Bangkok versammelten Sympathisanten des Militärs erinnern uns ein wenig an die Menschen in Kairo, die dem General Sisi zujubelten.
Die Zedernrevolution in Libanon 2005 und die im gleichen Jahr in der Ukraine stattgefundene ‚Orange Revolution‘, der ‚Arabische Frühling‘ im Nahen Osten und in Nordafrika und zuletzt der Militärputsch in Thailand haben zwar unterschiedliche Erfahrungen mit sich gebracht, aber einige ähnliche Befunde aufgewiesen.
Vorrangig stellt man zwei wichtige Elemente zu den Anfängen dieser Bewegungen fest.
Zum einen konnten sie keine einheitliche politische „Sprache“ produzieren, wo der Anfang und das Ende klar war, obwohl man das aus einer großen und bedeutungsvollen Spannung erwartet hätte. Die allgemein erwünschten Veränderungen, die daher gequatschte Achtung der Menschenrechte, globale Slogans und Wünsche bleiben eher auf dem apolitischen Niveau stecken.
Zum anderen haben die Bewegungen keine (starken) Führer. Klitschko in der Ukraine und die Schauspieler in der Türkei sind und waren nur Marionetten und keine Che Guevaras!
Deshalb konnten sie die Energie auf den Straßen nicht auf die politische Bühne tragen!
Diese beiden Eigenschaften der Bewegungen in diesen Ländern haben nicht zur Demokratisierung des vorhandenen politischen Systems beigetragen, sondern zur Instabilität und damit näherten sie sich zum Militarismus, der zur Entfernung von der Demokratie führte.
Die Akteure der Muslimbrüder in Ägypten hatten einen Führer und eine klare Linie, die aber durch die Zensur in den Medien und des Militärs zu einer führerlosen und apolitischen Bewegung schrumpften und mit der Rückkehr des einfachen und vulgären Status quo mit aller Leichtigkeit unterdrückt werden konnten.

Die Straßen in der Türkei sind seit einer Weile wieder dynamisch. Nach Ansicht der Journalisten, die diese Dynamik nicht politisch analysieren, sondern mit einer Seriosität wie in einer Atelierarbeit in einem kulturellen Promotionsprogramm bewerten, wurde ein revolutionärer Prozess in Gang gesetzt! Doch wie jeder vernünftige Mensch sehen kann, haben wir ein ganz anderes Bild vor Augen!
Die Bewegungen in Istanbul und in den anderen Städten finden aber landesweit keine Gleichgesinnten, so wie es in den Medien oft dargestellt wird! Wenn die ‚legale‘ Opposition geographisch nicht begrenzt wäre, könnte man über eine echte politische Struktur diskutieren.

Die Straßenbewegungen können heute nur im Gewächshaus weiterhin existieren, das durch Tote oder durch den medialen Wind geschaffen wird.
Einige Experten sind der zwar der festen Überzeugung, dass Regierungen, die aus politischen Gründen und Sicherheitsgründen die Straßendemonstranten als Gesprächspartner wahrnehmen, Niederlagen einstecken müssen, aber in der Türkei ist das Gegenteil der Fall.
Da sollte sich eher die Opposition Gedanken darüber machen, die aus der angeblichen Energie von den Demonstranten Energie für sich selbst schöpfen möchte.
Die Opposition auf der politischen Bühne kann sich auch nicht vom Terror zwischen den Gassen trennen, weshalb sich die Regierung gezwungenermaßen der gesamten Oppositionsbewegung als Ansprechpartner annähern muss.


Die Regierung kann in kurzer Zeit die Fehler beim Problem-Management wiedergutmachen, aber die Opposition verliert auf lange Sicht in den Augen der Bevölkerung an Bedeutung und Gesetzmäßigkeit.
Das macht sich bei jeder Wahl bemerkbar und aus dieser Situation wird sie sich niemals befreien können, solange sie sich nur in einige Stadtviertel Istanbuls einschließt.

Türkische Polizei mit Molotowcocktails beworfen!




Turgay Adalet 

Beliebte Posts aus diesem Blog

Türkei: Abstimmung über Verfassungsreform

Gastbeitrag: Musul ve Kerkük'ü kim satti?

Chronologie eines Landesverrats