Geschichte wird zum agnostischen Spielraum


Am 18. März ist der 100. Jahrestag des Sieges von Çanakkale (Schlacht von Gallipoli). Die Schlacht von Çanakkale ist die Bezeichnung für die Kämpfe gegen die Eroberung der Meeresengen von Çanakkale und Istanbuls von Seiten der Briten und Franzosen im Ersten Weltkrieg.

Aus diesem Anlass hat der türkische Präsident Erdogan seinen armenischen Amtskollegen Sarkisyan nach Çanakkale eingeladen, der dies aber ablehnte. Er bezeichnete dies als Manöver, um das angebliche Massaker an den Armeniern in den Hintergrund zu stellen. Dieser Schritt sei wie alle anderen zuvor auch als Leugnung zu deuten und die Türkei solle ja nicht versuchen, sich vor einer Rechenschaft zu drücken.
Man sieht ja, wer seine historischen Archive öffnen möchte - Armenien jedenfalls nicht! 
2005 hat die Türkei eine Geschichtskommission vorgeschlagen!
2009 wurden Protokolle unterzeichnet, um die türkisch-armenischen Beziehungen zu normalisieren!
2014 hatte Erdogan eine Botschaft zu den Ereignissen von 1915 veröffentlicht:
"Es lässt sich nicht abstreiten, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, gleich welcher Religion und ethnischer Herkunft sie angehörten, für Türken, Kurden, Araber, Armenier und Millionen weiterer osmanischer Bürger eine schwierige Zeit voller Schmerzen waren." Wo wird hier geleugnet?
Zur vollständigen Botschaft auf unserem Blog:
http://unchainednewturkey.blogspot.de/2014_04_01_archive.html?m=1

Obwohl die Türken in dieser Hinsicht nichts zu bereuen haben, wurde ihr Kampf gegen diese Lügen von Personen aus den eigenen Reihen geschwächt. Wie?
Zuerst haben die unfähigen Politiker und Historiker von damals die "Schuld" in die Schuhe des Osmanischen Reiches geschoben. Danach wurde den Armeniern unterstellt, dass sie Massaker an Türken begangen hätten und schließlich "einigten" sie sich auf die Deportation von Armeniern, bei denen auch Menschen umkamen.
Da würde ich doch stutzig werden. Seid ihr schizophren?

Auch und gerade in diesem Jahr werden die armenische Diaspora und die Politiker aus aller Welt das Ereignis über die Historiker hinweg diskutieren und gegen die Türkei mobilisieren. Unsere Journalisten und Regisseure arbeiten da fleißig mit!
Es geht ihnen dabei nicht um die Aufarbeitung des Leids und die Konservierung der Erinnerungskultur, damit die Menschen keine weiteren Massaker mehr begehen - heute finden immer noch Massaker statt!
Die Türkei muss wie alle anderen Länder auch den Stempel mit dem "Massenmörder" aufgedrückt bekommen.

Die Türkei wird es nicht leicht haben, denn es wird Menschen geben, die jede Negativschlagzeile als Wahrheit rezipieren werden.
Es wäre zum Vorteil der Türkei, wenn auch Armenien mit offenen Karten diskutieren würde. Gerade dann müssten sie sich verteidigen und nicht die Türkei!

Sie reden immer über das Jahr 1915!
Aber was ist mit 1877-78?
Armenische Banden kämpften mit den Russen gegen die Osmanen.
Der erste Balkankrieg im Jahre 1912 kostete 1,5 Millionen Muslimen das Leben, 400.000 mussten flüchten - Bulgaren, Griechen und Armenier waren an diesen Massakern beteiligt.
Warum bewertet man die Deportation der Armenier nicht unter diesen Gesichtspunkten?
Wenn die Türken die massenhafte Ermordung von armenischen Zivilisten gewollt hätten, hätten sie sie außerhalb des Osmanischen Reiches deportiert, aber nicht innerhalb der Grenzen - auch die Waisenkinder wurden an türkische Familien übergeben. 

Die armenische Diaspora blickt mit Hass und archaischen Gefühlen in die Vergangenheit und möchte so die Gegenwart und Zukunft formen. 
Verständlicherweise reagieren die Türken mit derselben Motivation.
Doch damit wird die Geschichte nur zu einem agnostischen Spielraum, wo man der Wahrheit nicht näher kommt. 

Turgay Adalet 

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