Die Rolle der Türkei im Nahen Osten





Seit langer Zeit fordert die Türkei die internationale Gemeinschaft dazu auf, eine Pufferzone im Norden Syriens einzurichten, in der auch Flugverbot gelten soll. Mit der Unterstützung der USA soll diese Schutzzone von den IS-Terroristen bereinigt werden, damit ein Teil der syrischen Flüchtlinge aus der Türkei zurückkehren kann.
Nachdem die Türkei den Amerikanern erlaubt hat, den IS vom türkischen Boden aus, dem NATO-Stützpunkt Incirlik in Adana, mit Luftangriffen zu bekämpfen, wird der Forderung der türkischen Regierung nachgekommen – zumindest auf Papier.
In den amerikanischen Medien steht jetzt schon, dass Obama und Erdogan neue Grenzen im Nahen Osten ziehen werden.
Doch diese Pufferzone wäre das größte Hindernis für die Pläne der kurdischen Einheiten in Syrien, die die Kantone in Nordsyrien miteinander verbinden möchten. Das Gebiet zwischen Dscharablus und Aasas wäre ein Baustein mehr, um das Erdöl aus dem Nordirak direkt an das Mittelmeer zu befördern. Doch inwiefern Massoud Barsani damit einverstanden sein wird, der ein gutes Verhältnis zu Ankara pflegt, sei hier zunächst einmal unberücksichtigt.
Während die Türkei mit der Bekämpfung von Terrorismus im eigenen Land und außerhalb seiner Grenzen beschäftigt ist und zudem eine Pufferzone als notwendig erachtet, schlürft der Engländer nicht genüsslich an seinem Tee. Wenn ich vom Engländer spreche, meine ich nicht die Bürger, sondern die Medien und die Akteure im Schatten.
Die Türkei spricht konkret von einer Pufferzone, aber die englischen Medien von einer Provinz (wie im Osmanischen Reich), die von den Türken annektiert werden soll. Woher kommt diese Reaktion? Die Türkei und der Nordirak hatten vor ca. anderthalb Jahren ein Öl- und Gas-Lieferabkommen unterzeichnet. Es blieb also nicht nur beim Händeschütteln in Diyarbakir zwischen Erdogan und Barsani, dem Chef der kurdischen Autonomiezone im Nordirak.
Wie konnte es angehen, dass „zwei verfeindete Völker“ nicht nur Frieden schließen, sondern auch noch Geschäfte miteinander machen? Diese Frage hat die englischen Barone und ihre Handlanger lange Zeit beschäftigt. Wer immer noch denkt, dass die Terroranschläge der PKK nur Vergeltungsakte sind, der hat entweder die letzten 150 Jahre nicht verstanden oder vergessen, dass sie auch nur eine Marionette ist.
Wen interessierte überhaupt der Friedensprozess? Die Waffenindustrie, die die Medien als Sprachrohr benutzt? Es ist doch evident, dass dieser Konflikt nur der Türkei schadet. Trotzdem muss die Türkei seine eigenen Interessen verfolgen und nicht wieder zulassen, dass der Engländer den Einfluss der Türken im Nahen Osten eindämmt. Von neo-osmanischen Zielen kann man zwar nicht sprechen, auch wenn das Erdogan von selbsternannten Experten immer wieder unterstellt wird, aber ein weiterer Staat in dieser Krisenregion wird auch keinen Frieden bringen.
Wer hinter Erdogans Kampf gegen die PKK ein innenpolitisches Kalkül vermutet, der hat wohl die Augen vor den Interessen des Westens im Nahen Osten verschlossen.

Wieder bereit für einen Exkurs in die Geschichte? Dann mal los.
Wir schreiben das Jahr 1873. Der von Wirtschaftstheoretikern als ‚Große Depression‘ oder auch ‚Große Deflation‘ bezeichnete Konjunkturtief in der Weltwirtschaft nahm seinen Lauf. Der Wiener Börsenkrach war der Ausgangspunkt und wirkte sich auch negativ auf etablierte Industriegesellschaften wie Großbritannien aus, als die Preise von Wirtschaftsgütern, Materialien und Arbeitskraft kräftig nachließen. Dieser Konjunkturverlauf dauerte bis 1896 an und danach begann eine lange Aufschwungphase bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Die mit Auf- und Abschwüngen gekennzeichnete Zeit bereitete auch den Krieg vor. In der Industriebranche war England nach der wirtschaftlichen Depression nicht mehr wettbewerbsfähig. Nach 1890 konzentrierte sich das englische Königreich auf die Suche nach dem ‚Schwarzen Gold‘, der in der Folgezeit für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich war. Für die Ausbeutung war die Teilung des Osmanischen Reiches von äußerster Bedeutung.
Der Tag für den globalen Krieg über die Kontrolle der Erdölquellen näherte sich. In diesen Jahren wollte Sultan Abdülhamid das Interesse der Deutschen an seinem Land nicht unberücksichtigt lassen, um das Erdölspiel der Engländer zu zerstören. Deshalb war die Eisenbahnlinie nach Bagdad von großer Bedeutung, denn wer diesen Auftrag realisierte, der hatte auch die Befugnis, nach Erdöl zu suchen. Dieser taktisch kluge Schachzug gefiel den Engländern überhaupt nicht.

1910, ein Jahr nach Entdeckung der persischen Erdölfelder und sechs Jahre nach Baubeginn der Bagdadbahn, begannen sich plötzlich auch die Engländer für Mesopotamien zu interessieren. Jungtürken hatten den Sultan gestürzt und britische Finanzleute nach Konstantinopel geholt. Und diese hatten mit englischem Kapital und Management die Türkische Nationalbank ins Leben gerufen. In dieser Nationalbank war kein einziger Türke, sondern nur der Armenier Kalust Gülbenkyan, der im Osmanischen Reich ein reicher angesehener Geschäftsmann war.
Nach der türkischen Revolution gründete Sir Ernest Cassel, Chef der neu geschaffenen türkischen Zentralbank, in London die Turkish Petroleum Company – eine Konzessionsgesellschaft.
Damit wollte man vom Sultan das Nutzungsrecht über das Erdöl in Mesopotamien verliehen bekommen. Doch bis dahin war der einzige Akteur die Bagdad-Bahn-Gesellschaft, die von der Deutschen Bank für den Bau und Betrieb der Eisenbahn gegründet wurde.
Im April 1913 schickte das britische Außenministerium einen Brief an das türkische Generalkonsulat in London:
„Das Osmanische Reich darf keine Zeit mehr verlieren und Regelungen in die Wege leiten, damit England die Kontrolle über die Erdölquellen in Mesopotamien  verfügen kann, weshalb wir auf eine Bestätigung eurerseits warten.“

Dem Druck Englands konnten die deutschen Unternehmen nicht länger standhalten und mussten Kompromisse eingehen. Am Ende übernahm die von den Engländern kontrollierte Anglo-Persian Gil Company 50% der Aktien, 25 % die Shell-Group (GB-NL) und die übrigen 25% die Deutsche Bank.

Warum zog Großbritannien in den Krieg?

Im Juni 1914, wenige Tage vor Kriegsausbruch, kaufte die englische Regierung die Mehrheit der Aktien von APOC (Anglo-Persian Oil Company) auf und damit reduzierte sich der Anteil der Deutschen Bank im türkischen Erdölunternehmen.
Mit diesen Worten erklärte der deutsche Bankier und Wirtschaftswissenschaftler Karl Helfferich von der Deutschen Bank, warum Großbritannien in den Krieg zog:
„Um die wirtschaftliche Entwicklung des Deutschen Reiches zu verhindern, setzen die Engländer ihre traditionelle Politik um. Mit Kriegen konnten sie wieder zu ihrer alten Macht gelangen und mit dieser Kriegspolitik auch bewahren.“

Was lernen wir daraus?
Einer der wichtigsten Gründe, warum der Erste Weltkrieg ausbrechen musste, war die Aufteilung der Erdölregionen unter den Großmächten.
In diesem geopolitischen Plan war kein Platz für das Osmanische Reich.

Mit dem Blick auf die heutigen Entwicklungen ist es evident, dass die aktive Rolle der Türkei im Nahen Osten die Engländer stört. Ein unabhängiges Kurdistan wäre ihnen da lieber, das sie ohne große Hindernisse für ihre Interessen lenken und steuern können.
Dabei vergessen sie, dass der kranke Mann am Bosporus die Gesinnung und Ziele der Engländer von gestern nicht vergessen hat.


Turgay Adalet – 06.08.2015

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