Sykes-Picot – Das blutige Erbe der Kolonialisten



„Mit ein paar Federstrichen zerstörten Briten und Franzosen vor hundert Jahren die Konfliktsicherungsmechanismen der Osmanen im Nahen Osten. Und legten damit den Grundstein für viele der Konflikte, die noch heute die Region und die Welt beschäftigen“, schrieb FAZ-Redakteur Rainer Hermann in seiner gestrigen Kolumne.

Die NEW YORK TIMES hat vor zwei Tagen eine alternative Karte zum Sykes-Picot-Abkommen (Karte: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f9/MPK1-426_Sykes_Picot_Agreement_Map_signed_8_May_1916.jpg ) veröffentlicht, auf der die Türkei aufgeteilt ist. Die Ausgangsfrage ist, ob der Nahe Osten durch andere Grenzen hätte gerettet werden können. (Artikel: http://www.nytimes.com/interactive/2016/05/13/opinion/sunday/15danforth-web.html?smid=tw-nytimes&smtyp=cur&_r=1)
Damals wurde die Karte vom US-Präsidenten Woodrow Wilson in Auftrag gegeben und vom Unternehmer Charles Richard Crane und Religionswissenschaftler Henry King erstellt, aber von den Franzosen und Engländern nicht weiter beachtet.
Ihrer Ansicht nach sollten die Kurden entweder in der Türkei oder im Irak leben und die Sunniten und Schiiten nebeneinander in einem irakischen Staat.
Während sich einige Muslime  und Türken nicht mit der Vergangenheit beschäftigen, macht sich der Westen immer wieder Gedanken über den Nahen Osten und seine eigenen Interessen in der Region. Wann werden sie aufwachen? Erst wenn ein Sykes-Picot 2.0 umgesetzt wird, der die Aufteilung der Türkei wie in Syrien vorsieht? Kurden, Schiiten und Sunniten, die in schwachen Mikrostaaten leben und sich in einem permanenten Kriegszustand befinden.

Das Sykes-Picot-Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien nahm keine Rücksicht auf die Interessen der Völker im Nahen Osten und ebnete zugleich dem zionistischen Traum von einem Israel den Weg. Denn nur anderthalb Jahre später  erklärte sich Großbritannien in der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917  einverstanden mit dem 1897 festgelegten Ziel des Zionismus, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten. Was die Folgen waren, sieht die Welt seit Jahrzehnten. Mit der Entstehung von Mikrostaaten in Syrien werden die untereinander zerstrittenen Parteien nichts gegen eine israelische Expansion entgegenstellen können. Antisemitismus? Nein, Fakten, wenn man weiß, warum Sultan Abdülhamid gestürzt wurde.

Der englische Parlamentarier und Initiator dieses Abkommens Sir Mark Sykes sagte über die Türkei: „Eine Türkei darf nicht mehr existieren. Izmir wird den Griechen, Adana den Italienern, Südtaurus und Nordsyrien den Franzosen, Palästina und Mesopotamien den Engländern, der Rest einschließlich Istanbul den Russen gehören.“
Auch wenn die Franzosen im Ersten Weltkrieg mit den Engländern zusammen gekämpft hatten, mussten sie dazu überredet werden. Denn sie waren der festen Überzeugung, dass Syrien und Palästina der Nahe Osten Frankreichs gewesen seien. Für sie war Damaskus das Zentrum eines  möglichen arabisch-islamischen Staates, das nicht unter britische Kontrolle gebracht werden durfte.
George Picot, französischer Botschafter von Beirut, stellte sich mit diesen Worten gegen einen einheitlichen arabischen Staat, das von den Engländern zunächst versprochen wurde: „Den Arabern einen großen Staat versprechen ist wie Sand in ihre Augen streuen. So einen Staat kann es nicht geben. Man kann aus mehreren arabischen Stämmen keine Einheit bilden.“
Picots Ziel war u.a. den französischen Einflussbereich bis nach Mosul auszuweiten.
Die Engländer hatten es bereut, Mosul an Frankreich und Palästina unter internationale Verwaltung gegeben zu haben.

Um dieses geheime Abkommen bestätigen zu lassen, gingen Sykes und Picot nach Russland. Die Russen waren mit den Eingeständnissen für die Engländer nicht einverstanden, weshalb sie mit den Franzosen ein an anderes Abkommen trafen; Palästina sollte Frankreich gehören. Die Intrigen zwischen Frankreich und England führten dazu, dass sie mit der immer stärker werden zionistischen Bewegung kooperierten und schließlich die Grundsteine für den Nahostkonflikt legten.
Kurze Zeit nach dem Abkommen brach die Revolution in Russland aus und die Bolschewiken veröffentlichten die Dokumente. Somit wurde das noch nicht umgesetzte Abkommen publik.

Einer der führenden Köpfe des Osmanischen Reiches Cemal Pascha hielt am 4. Dezember 1917 eine Rede, in dem er Folgendes sagte:
„Der eigentliche Plan der Engländer ist jetzt offensichtlich. Wird Hüseyin ibn Ali (Großscherif von Mekka), der für diese Demütigung verantwortlich ist, die Ehre eine islamischen Kalifats gegen einen von Engländern versklavten Staat eintauschen?“

Doch Scherif Hüseyin hatte schon in Hedschas einen Aufstand organisiert und somit die Allianz mit England fortgesetzt. Als der Krieg zu Ende war, hatte er nur einen Bruchteil von dem, wovon er träumte. Denn obwohl sich Frankreich und England im Fall Syrien stritten, wurde der Nahe Osten auf Grundlage des Sykes-Picot-Abkommens umgeformt. Zwar wurde das Abkommen aufgrund der nachfolgenden Verträge nicht gänzlich umgesetzt, aber es war das erste historische Dokument, das den Nahen Osten aufteilte.

Turgay Adalet – 16.05.2016

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